Diese Woche habe ich nach fast sieben Monaten wieder angefangen zu arbeiten. Ich habe mir insgesamt 12 Monate Elternzeit genommen, wovon ich die ersten 6 Monate komplett zu Hause bleibe und dann schrittweise in Teilzeit wieder anfange, zu arbeiten. Wobei das „zu Hause bleiben“ sich nicht geändert hat, denn ich arbeite zu 100 % aus dem Homeoffice.
Neue Prioritäten setzen
Ich bin mir sehr bewusst, dass es ein großes Privileg ist, wenn man als Elternteil so lange für das Kind sorgen kann. Wenn man es finanziell und familiär kann, dann kann ich es nur weiterempfehlen, in den ersten Lebensmonaten für das Kind da zu sein. Auch wenn manche sagen, dass die ersten Monate „langweilig“ sind, weil das Kind ja noch nicht viel kann, so finde ich doch, dass es wichtige Monate sind, die die eigene Beziehung zum Kind sehr prägen. Man ist eben „mittendrin statt nur dabei“.
Die Arbeit ohne die Arbeit
Das mit dem „nicht arbeiten“ ist auch nicht wirklich wahr. Vielen Eltern ist der Begriff der Care-Arbeit in den letzten Jahren häufiger begegnet. Alle Elternteile, die mehr als nur ein paar Wochen oder Monate für das Kind gesorgt haben, werden wissen, wie viel Arbeit es macht, nicht zu arbeiten (hierbei ist dann Erwerbsarbeit gemeint).
Meine Eltern haben eher noch das „klassische Modell“ gewählt. Mein Vater ist wieder arbeiten gegangen und meine Mutter hat sich um die Kinder gekümmert. So war das einfach in den 80er Jahren in Westdeutschland normal. Aber viele moderne Väter wollen sich aktiv beteiligen und nicht nur „mithelfen“. Wie viel Arbeit das macht, merkt man eben erst, wenn es den ganzen Tagesablauf bestimmt und man sich selbst die Momente für einen selbst dazwischen suchen und nehmen muss.
Fehlende Unterstützung durch den Staat
Man würde ja meinen, dass die aktuelle Familienpolitik dem Rechnung trägt. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es so ist. Die wenigsten werden wohl einfach ein halbes Jahr oder länger nicht erwerbsarbeiten können, denn dazu braucht man große finanzielle Rücklagen. Daher gibt es ja Angebote wie das Elterngeld. Leider sieht es in den ersten Monaten nur einen gemeinsamen Monat mit „Basiselterngeld“ vor. Es wir Paaren also sehr schwer gemacht, sich im ersten Lebensjahr längere Zeit gleichberechtigt um das Kind zu kümmern. Das finde ich sehr enttäuschend. Glücklicherweise hatte ich einige Rücklagen, die ich auch brauchte, denn das Elterngeld lässt noch immer auf sich warten, aber dazu in einem anderen Beitrag mal mehr.
Selbstwertgefühl und Selbstverwirklichung ohne Erwerbsarbeit
Aber zurück zur eigentlichen Frage: Wer bin ich ohne meine Arbeit? Und wie geht es mir dabei? Nach nunmehr fast 7 Monaten muss ich sagen: Es ging mir damit sehr gut. Klar waren die ersten Monate als Papa wirklich hart. Man kann sich noch so gut informieren, aber so richtig wird man auf das, was einen erwartet, nicht vorbereitet. Und die Arbeit? Zu sagen, ich hätte sie nicht eine Minute lang vermisst, wäre wohl gelogen. Es war aber erstaunlich einfach, nicht an die Arbeit denken zu müssen und einfach nur Papa zu sein. Ich habe mich in den Momenten, in denen ich mich mal nicht um unser Kind kümmern musste, mit privaten Projekten beschäftigt, die meiner Erwerbsarbeit ähnlich sind, was mir geholfen hat, nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Aber ich habe die Zeit eher wie ein Sabbatical erlebt, in dem man eben nicht seiner Erwerbsarbeit nachgeht, mit dem Ziel, Geld zu verdienen, sondern sich darauf besinnt, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Nach dieser Zeit kann ich sagen: Ich liebe meine Arbeit und finde große Erfüllung darin. Aber definiere ich mich dadurch oder wäre ich weniger ein „echter Mann“, wenn ich sie nicht hätte, um für meine Familie zu sorgen? Ganz sicher nicht. Finanziell abgesichert zu sein, ist wichtig für eine Familie, aber es gibt mehr Möglichkeiten als das „klassische Modell“.
Mein Wiedereinstieg in den Job
Nach den ersten 6 Monaten bin ich daher erst einmal mit 40 % meiner vorherigen Arbeitszeit, verteilt auf 4 Arbeitstage, wieder eingestiegen. Alle zwei Monate kommen jeweils 20 % dazu, womit ich dann 12 Monate nach der Geburt wieder bei 100 % landen werde. So zumindest die aktuelle Planung. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich noch eine Brückenteilzeit anschließen könnte, je nachdem, wie sich die Betreuungslage unseres Kindes und unsere familiäre Situation bis dahin verändert haben.
Fazit
Ich kann nur allen Papas oder Partnern empfehlen, sich einmal ernsthaft die Frage zu stellen, ab wann und wie lange sie für das Kind in der ersten Zeit da sein wollen. Ich selbst würde meine Entscheidung jederzeit wieder genau so treffen. Mit etwas mehr finanziellen Rücklagen hätte ich mir auch noch mehr Auszeit von der Arbeit vorstellen können, aber der stufenweise Wiedereinstieg in Teilzeit fühlt sich aktuell sehr viel besser an, als plötzlich wieder von heute auf morgen mit 100 % einsteigen zu müssen.

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